In Ungarn sieht's ja auch übel aus. Klar freuen sich alle, dass Orban abgewählt werden könnte, aber die überlegene Tisza ist auch rechts und migrationsfeindlich, nur nicht so autoritär wie Fidesz, die MH ist rechtsradikal und sonst kommt niemand über 5%.
Ich denke, ein wichtiger Knackpunkt bei der Situation in Ungarn ist das dortige Wahlrecht.
Dazu muss man wissen, dass das personalisierte VErhältniswahlrecht, was wir hier in Deutschland haben, im internationalen Vergleich ziemlich exotisch ist.
Ungarn hat ein Grabenwahlrecht.
Das heißt: Die eine Hälfte des Parlaments sind Direktmandate. Jeder Wahlkreis hat einen Sitz, und die stärkste Partei gewinnt. Dadurch werden alle Parteien, die nicht zu den 2 stärksten Parteien
(1/4) @ennopark
gehören, systematisch benachteiligt.
Die andere Hälfte wird per Liste gewählt. Ein bisschen wie bei uns - nur, weil es eben ein Grabenwahlrecht ist, werden die Direktmandate nicht auf die Listenplätze angerechnet, weil die Sitzverteilung für beide Mandatsarten unabhängig voneinander erfolgt.
Dann kommt noch dazu, dass man nur eine Stimme hat. D. h. das aus Deutschland bekannte Stimmsplitting ist nicht möglich. Es besteht zwar die Möglichkeit, unabhängige oder
(2/4) @ennopark
parteiübergreifende Kandidaten ins Rennen zu schicken oder eine Liste ohne Direktkandidaten aufzustellen. In einem solchen Fall geht aber immer eine Hälfte der Wählerstimme verloren, denn Stimmsplitting gibt es in Ungarn nicht.
Dieses Wahlsystem ist der Grund, warum die Fidesz so lange an der Macht bleiben konnte.
Mir scheint es, dass die Wähler sauer sind und nur deshalb Tisza wählen, weil sie eine Anti-Orbán-Partei links der Fidesz wollen.
(3/4) @ennopark
Tisza wurde erst vor 2 Jahren gegründet und hat in den Umfragen die anderen Oppositionsparteien verdrängt.
Von daher würde ich sagen, dass Tisza im VErgleich zur Fidesz ein Fortschritt sein dürfte, bei dem die Oligarchen endlich entmachtet werden. Mit etwas Glück könnte sogar eine Wahlrechtsreform herausspringen, die für mehr Vielfalt sorgen würde.
(4/4) @ennopark
@ennopark Ja, Magyar war nicht zufällig bis vor wenigen Jahren noch selbst Mitglied von Fidesz.
Zentral für die Begeisterung vieler Menschen in Ungarn sind aber vor allem sein Kampf gegen die wirklich allgegenwärtige Korruption, das Versprechen den Rechtstaat zu reparieren und sich wieder der EU anzunähern.
Das mag nicht direkt revolutionär sein, wäre in diesen gefährlichen Zeiten aber ein starkes Signal an all die (Möchtegern-)Diktatoren, in- wie ausserhalb der Union.