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Ich denke, es kommt bei vielem auf die Perspektive an. Ich bin im Westen aufgewachsen, aber ich war viel in der DDR zu Besuch bei Tante, Onkel, Cousin und Cousine. Einmal sogar die gesamten Sommerferien. Da war ich erst in Berlin und dann bei meiner Cousine auf dem Land.
In Berlin kann ich mich schon daran erinnern, dass wir uns mal spontan in eine lange Schlange beim Fleischer gestellt haben und auf meine Frage, was es denn besonderes geben würde, mir Unverständnis entgegenschlug. Ich erinnere mich auch, dass die Qualität des Fleisches manchmal eher mäßig war. Für mich als Jugendlicher aus dem Westen, dessen Familie nur im Rewe einkaufte, war der Konsum natürlich Mangel. Aber es gab in meiner Erinnerung die Grundnahrungsmitteln immer. Es gab einen fantastischen Bäcker, bei dem ich mir jeden Tag Schwarzweiß Gebäck kaufte. Und es gab eigentlich ( bis auf manchmal das Fleisch) immer leckeres Essen. Es war bei meiner Tante auch Usus, dass übrig gebliebenen Milch in Schüsselchen auf den Bakon gestellt wurde und daraus Sauermilchnachtisch wurde im Winter. Das habe ich geliebt.
Wir waren mal auf ner Fahrt in einer Raststätte, da gab es nur Pellkartoffeln mit Hering und der Topf wurde auf den Tisch gestellt. Dazu Gabel und ein scharfes Messer. Ich habe völlig perplex geschaut, war ein kleiner Kulturschock.Ich bin halt sehr wohlhabend aufgewachsen. Aber ich fand's dann sehr toll. Ich habe die Ferien dort, diese sechs Wochen sehr geliebt. Auf dem Land hatte der Konsum tatsächlich nur einmal die Woche am Mittwoch auf. Und da gab es tatsächlich nur sehr wenig. Aber wir hatten zum Glück genügend Zigaretten. Ich habe keine Ahnung, wie meine Cousine ihr Leben da organisiert hat, das ist zu lange her. Aber ich habe gut gegessen. Das Leben war bei ihr allerdings sehr einfach. Das Plumpsklo im Garten eine Herausforderung für mich. Ich müsste sie aber Mal fragen, ob das bewusst war. Sie durfte einmal mit meiner Tante zur Hochzeit meiner Schwester und da hat sie der Überfluss sehr angewidert. Mich dann da auch.
Aber ich erinnere mich auch an mein erstes Mal bei Aldi Ende der 80er. Zivi, kaum Geld, Kontakt zur Familie abgebrochen. Da blieb nur Aldi und das war damals nicht der Aldi von heute. Da gab es das Nötigste billig in übereinandergestapelten Kartons. Das war für mich krass, ich war halt Überfluss gewohnt. In der Zeit war ich arm. Jedenfalls aus meiner Perspektive . Das Geld reichte für Essen und den Disco Eintritt, aber kein Getränk. Ich hatte kein Telefon, keine Waschmaschine, Klo auf dem Flur. Kein Geld für Kleidung oder Extras außer manchmal Flohmarkt.
Ich kann nicht sagen, ob es Armut in der DDR gab. Mangel denke ich schon, meine Eltern haben einiges geschickt und Devisen bei den Besuchen da gelassen. Also muss es Bedarf gegeben haben.
Mein Erleben war, dass man sich organisiert hat und auch gegenseitig geholfen. Ich habe eine guten Zusammenhalt im Alltag in Erinnerung.
Aber eben auch im Nachgang die Härte des Regimes, dass meiner Cousine die Kinder wegnehmen wollte, weil sie Oppositionelle war und von der besten Freundin bespitzelt wurde.
Meine Cousine wollte schon in der Schule nur noch weg. Aber es war nicht der Mangel, der sie da antrieb.
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